Die Edelweiss-Lektion

Die Edelweiss-Lektion zu Wert, Zeit und Sinn im Leben

Ich bemerke, dass ich jeden Morgen gleich nach dem Aufstehen nach dem Edelweiss im Glasschrank schaue. Ich bin besorgt, ob es sich auch bei mir, wo es alleine sein Dasein fristen muss, wohlfühlt. Durch den BELLY STORE sind mir Edelweiss und Enzian ganz plötzlich ans Herz gewachsen. Sie sind mir wichtig und haben einen Wert für mich. Das gibt den Ausschlag, mich näher damit zu befassen, was Werte sind. Ich erfahre in der Enzyklopädie der Wertvorstellungen, dass Werte der Orientierung dienen und sinnstiftende Faktoren in einer Gruppe sind. Eine Lebensgemeinschaft (Kultur) prägt Werte und gibt sie weiter. Daraus entstehen kollektive Rituale und individuelle Verhaltensweisen zum Schutz oder zur Weiterentwicklung der jeweiligen Gruppe. Wertvorstellungen werden als Aspekte von Lebensqualität definiert, also als immaterielle Werte, die uns persönlich wichtig sind. Diese Werte entstehen in einer Gruppe aus einer gemeinsamen Sprache, aus gemeinsamen Geschichten, durch eine wertvolle, motivierende Mission und durch überlieferte, weltanschauliche Aspekte. In einer Firma nennt man solche Wertvorstellungen Leitbild. In kollektiven Systemen sind gemeinsame Werte eine der wichtigsten Grundlagen für Gemeinsamkeiten und sinnstiftende Verbindungen. Werte beeinflussen sich gegenseitig: bestimmte Wertvorstellungen sind eine wichtige Voraussetzung zum Erreichen anderer Werte, sie dienen als Auslöser (Trigger) oder Unterstützer anderer Werte. So entstehen Wert(e)-Schöpfungsketten, die zum Beispiel in einem Leitbild greifbar werden.

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Bewegtes Edelweiss

Zwischen Ikea, Aqua Alta und der Kultivierung auf Plantagen

Wertschöpfung, das wird in unserer Gesellschaft fast ausschließlich in Kombination mit Geld gedacht - als Ziel produktiver Tätigkeit. Dabei ist Wertschöpfung ein Transformationsprozess: vorhandene Güter können sich dadurch in Güter mit höherem Geldwert verwandeln. Wertschöpfung findet auch an anderen Schnittstellen der Gesellschaft statt. Sie entsteht aus dem Zusammenspiel von Menschen, Umwelt und Wirtschaft. Die Philosophie nennt daher auch den Prozess und das Ergebnis zur Schaffung ideeller Werte Wertschöpfung - und nicht erst seit heute, das war schon im antiken Griechenland so. Wo die materielle Wertschöpfung dem Kosten-Nutzen-Gedanken folgt, ist die ideelle Wertschöpfung auf Sinnzuwachs ausgerichtet. Gesellschaftliche Werte, wie die Steigerung der Lebensqualität, eine innere Bereicherung, eine Reifung der Persönlichkeit stehen dabei im Vordergrund. Was uns etwas wert ist und wie viel, äußert sich daher auch in konkretem kulturellen Handeln, nicht nur im Wirtschaftsleben.

Was in unserer Gesellschaft sonst noch von Wert sein oder an Wert gewinnen kann, dem hat sich BELLY STORE Reloaded in einem Wertschöpfungsdinner auf die Spur gemacht: mit Kooperationspartnern, Belly Store Reloaded BegleiterInnen der ersten Stunde, kritischen und den feinen Gaumenfreuden zugetaner Menschen.

Mit Wurzeln & Blüten

Wertschöpfunsgdinner

Über Wert und wie dieser sich im Laufe der Zeit wandelt, darüber unterhalte ich mich auch mit meinem 94-jährigen Onkel. Er erzählt, wieviel eine Arbeitsstunde früher wert war und was im Vergleich dazu ein warmes Essen gekostet hat. Dass die Zeit auch einen Einfluss auf andere Größen hat und darauf, wie diese in unserer Gesellschaft bewertet werden, wird mir bewusst, als ich lese, dass die erste Frau, die in Frankreich im Jahr 1898 die Fahrprüfung bestand, die Herzogin Anne d´Uzés, noch im gleichen Jahr wegen “Rasens” ein Strafmandat kassierte: sie war im Bois de Boulogne mit 15 km/h unterwegs – erlaubt im Stadtgebiet waren nur 12 km/h. Das, was uns heute schräg und urkomisch erscheint, war offenbar nicht immer so. Bis in die 1920er Jahre galt eine autofahrende Frau als außergewöhnlich, das Autofahren als schmutzig und riskant und auch die Vorstellung von Geschwindigkeit war damals offenbar eine komplett andere.


Warum Freiräume und spontane Marktplätze für uns wichtig sind

Überall Edelweiss und Enzian – seit wir uns mit den beiden Persönlichkeiten beschäftigen, folgen sie uns auf Schritt und Tritt. Sogar im unaussprechlichen Möbelhaus, in dem ich einen Zwischenstop einlege, fühlen sie sich scheinbar heimisch, obwohl hier gar keine Berggipfel locken. Die beiden sind ganz schön robust und gar nicht so mimosenhaft und empfindlich, wie ich sie ursprünglich eingeschätzt habe. Und vielen, denen wir von BELLY STORE Reloaded erzählen, fällt ebenfalls auf: die beiden Pflänzchen sind allgegenwärtig und nicht nur auf der Alm zu Hause. Ich aber brauche eine kleine Auszeit und flüchte nach Venedig, um mir Kultur aus einem anderen Blickwinkel anzuschauen. Aber: die beiden reisen unbemerkt mit in die Lagunenstadt! Zwischen Wurzeln und Mobilität erfahre ich, wie unser aller Leben mit der Gesellschaft verwebt ist. Ich lerne, dass das eigene Heim und die Heimat wieder wichtiger werden, je mehr uns die moderne Technologie von der Notwendigkeit befreit, körperlich vor Ort zu sein und Mobilität zum Teil unseres Lebenskonzepts macht. Ich denke darüber nach, dass es so etwas wie gemeinsame Informations-Umgebungen gibt und dass die Buchstaben aus dem Blinden-Alphabet (Braille Alphabet) keine Nationalität kennen.

Ich besuche einen Lagerplatz für vergessene Gepäckstücke der Vergangenheit, der uns zum Entziffern und Gedenken überlassen wurde und begreife, dass es kollektive Erinnerung ist, die ein Territorium prägt. Und dass das Sammeln von Erinnerungen Platz schafft für die Gefühle, die mit einer bestimmten Geschichte verbunden sind. Dieser Raum wird dadurch zu einem Ort der unbegrenzten Möglichkeiten. Mir wird klar, wie wichtig Freiraum ist, der zu Gedankenexperimenten ermutigt, der Demokratie zulässt, der Erinnerungs- und Zeitsprünge erlaubt: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft verbinden sich da und das Archaische verschmilzt mit dem Zeitgenössischen. Ich flaniere vorbei an spontanen Marktplätzen und sehe, dass auch sie nicht nur eine uralte Form des Recycling sind, sondern ein wichtiger Ausdruck der Welt von heute: weil sich in ihnen und den Objekten, die sie anbieten, alle Schichten der Gesellschaft wiederfinden. Freiraum ist diese Summe vielfältiger Beiträge. Es ist der Ort des Unerwarteten und der ursprünglichen Kreativität, der Platz für unvorhersehbare Überraschungen schaffen und Neues zum Sprießen bringen kann. Mir wird klar, dass die Suche nach dem Unbekannten oft erst möglich wird, wenn wir den Mut und die Kraft haben, alle Türen zu öffnen, die höchsten Schwellen zu überwinden und die steilsten Berggipfel zu erklimmen. Aqua Alta unterbricht meine Gedanken und vertreibt mich schließlich aus Venedig, denn da nicht nur Edelweiss und Enzian keine nassen Füße mögen, ziehe ich weiter.

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Aqua Alta

Begegnung mit Herausforderungen

Edelweiss und Enzian-Spuren im BELLY STORE

Langsam wächst die Edelweiss- und Enzian-Sammlung im BELLY STORE. Viele Menschen, die uns ihre persönliche Story zu den beiden Pflanzen mit auf den Weg gegeben haben, schicken uns Objekte oder Bilder, damit ihre Geschichte auch für Fremde greifbar wird. Fotos von Edelweiss in schroffen Felsnischen finden sich da, kleine Kostproben, die eine Ahnung davon geben, wie die beiden Almschönheiten schmecken, Cremes mit Pflanzenauszügen, ein Prachtexemplar von einem gestickten Edelweiss. Aber auch die Gaben, die wir von FreundInnen und Familie erhalten, haben ganz oft etwas mit Edelweiss oder Enzian zu tun, so dass sich Elisabeth´s Küchentisch bereits in eine richtige Edelweiss-&Enzian-Wunderkammer verwandelt: ein von der Großmutter bestickter Rock mit Edelweiss, Enzian und Almröslein, ein Kopftuch und ein Kaffeehäferl mit Edelweiss, Ringe und Armbänder, alpine Zündholzschachteln, Ansichtskarten, Andenken und Teemischungen versammeln sich da.

Mit dem BELLY STORE fahren wir an die westlichste Grenze von Österreich, nahe der Schweiz, um im direkten Kontakt noch weitere Edelweiss- und Enzian-Geschichten zu sammeln. Dort erfahren wir, wofür (Stacheldraht-)Zäune und Mauern in unserer Gesellschaft stehen und was diese Grenzziehungen - zwischen Staaten oder besetzten Territorien, um exklusive Wohnanlagen, zwischen öffentlichem und privatem Raum, zwischen sozialen Schichten - mit uns Menschen machen: Grenzen und kulturelle Codes bestimmen über Identität und Fremdheit, Zugehörigkeit und Ausschluss. Sie entscheiden über das Recht von Menschen, sich von einem Ort zum anderen zu bewegen, oder überhaupt an einem Ort zu sein. Aus ihrer Angst vor offenen Grenzen begründen viele die Macht einiger weniger und legen damit den Grundstein für weitere Ausgrenzung.

Von sichtbaren und unsichtbaren Grenzen

Jüdisches Museum Hohenems

Die Ausstellung (Sag Schibbolet! Von sichtbaren und unsichtbaren Grenzen) im Jüdischen Museum in Hohenems beschäftigt sich mit historischen und zeitgenössische Aspekten, die mit dem Begriff der Grenze verbunden sind: mit materiellen und immateriellen Grenzen, territorialen oder gesellschaftlichen Grenzen und solchen, die mit politischen Mitteln oder wirtschaftlicher Macht gewaltsam durchgesetzt werden. Eine biblische Erzählung ist Kern der Ausstellung. Diese Geschichte zeigt die Beziehung zwischen Sprache, Territorium, Gewalt und Ausschluss und lotet dabei die Grenzen des sprachlichen Ausdrucks aus.

Die Ausstellung macht zugleich bewusst, dass Grenzen auch als Membran fungieren, die sowohl trennt als auch verbindet. Grenzen sind Übergangsorte, Schwellen von einem Ort zum anderen, sie sind ein Übergangsstadium, das mit Verlust und Befreiung zu tun hat, mit Loslassen und Trance,  mit dem Entfernen vom Normalzustand, vom vertrauten eigenen Selbst. Grenzen haben wir auch verinnerlicht: gesellschaftlich, psychologisch und intellektuell. Grenzen stecken unseren Horizont ab, sie stellen das konzeptuelle Gerüst für die Welt dar, die wir erschaffen haben. Eine Welt, die wir mit Bedeutung anreichern. Einen Raum, den wir als selbstverständlich hinnehmen. Dabei verschieben Grenzen sich pausenlos.

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Heimat

Realitäten der Notwendigeit, der Sehnsucht und des Missbrauchs

In Innsbruck erfahren wir, dass sich auch die Waldgrenze ständig nach oben verschiebt. Je wärmer es in unseren Breiten wird, desto höher wandern die Pflanzen. Sie erobern sich neue Territorien und breiten sich aus und manchmal verdrängen sie so andere Pflanzen, denen sie bislang gar nicht begegnet sind. Pflanzen werden durch diese Grenzverschiebungen aber oft auch stärker. Am Vormarsch sind besonders die sogenannten „Ubiquisten“, wie etwa der Löwenzahn – sie halten mehr aus als die anderen und können sich besser an neue Erfordernisse anpassen. Das Bild der Berge wird sich dadurch aber massiv verändern. Allerdings ist die Veränderung schwer abschätzbar, weil wir Menschen erst seit geraumer Zeit bemerken, dass da etwas im Wandel ist. Erst seit etwa 150 Jahren erheben wir Daten und beobachten, in welche Richtung die Pflanzenwelt in den Bergen wandert. Bewusst wird uns dabei auch, wie wenig Kenntnisse wir Menschen bislang über das Zusammenwirken von Pflanzen wie Edelweiss und Enzian auf ihre unmittelbare Umgebung haben, auf andere Pflanzen, aber auch auf das Mikroklima des Bodens. In Anbetracht dieser doch eher frustrierenden Tatsache, lässt uns nicht einmal mehr der Wunsch unserer Gesprächspartnerin eine Zeitreise in die Eiszeit anzutreten, um als Teil des Empfangskomitee für´s Edelweiss in Mitteleuropa zu fungieren, eine Idee der Vegetation damals zu erhaschen, frösteln.

Grenzverschiebungen

Wo werden wir in 30 Jahren zu finden sein?

Das BELLY STORE Baby macht dem Christkind Konkurrenz
Dieses Jahr kommt der Weihnachtsmann (oder das Christkind) schon am 14. Dezember zu uns - nicht, weil sich die beiden im Datum geirrt haben, sondern weil die Designer von Werkbuero uns an diesem Tag den BELLY STORE Prototyp 02 präsentieren. Wunderschön ist er geworden und so funktional, dass wir ganz außer uns sind vor Freude. Der Satellit von BELLY STORE Reloaded und praktikalber Begleiter für jede Expedition, egal ob sie uns zu einem Geschäftstermin führt, zu einem Ausflug ins Grüne, zu einem Wochenendtrip nach New York, einer Wanderung ins Gebirge oder einem Kurzurlaub ans Meer. Edelweiss und Enzian können sich in ihrem neuen Heim nach Herzenslust ausbreiten und werden den BELLY STORE mit ihren Geschichten in den kommenden Wochen und Monaten erst so richtig befüllen. So dass der Bauchladen dann eine ganz eigene Geschichte zu erzählen hat, als Panoptikum von Edelweiss- und Enzian. So geht unsere Expedition mit den beiden Alpenschönheiten erst richtig los….

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Inkubator und Begleiter

Der BELLY STORE Reloaded - SATELLIT

Renate Burger